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Was war? Was wird?

Bei der Europawahl war ich noch gespannter Zuschauer und Piraten-Wähler. Bei der Bundestagswahl vom letzten Wochenende war ich dazu noch Mitglied und aktiver Wahlkämpfer. Und dennoch ist eines gleich: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Ich versuche an dieser Stelle meine Erlebnisse vom Wahl-Sonntag zu rekonstruieren, bevor ich meine Einschätzung über die Zukunft abgebe.

Was war?

Sonntag, der 27.09.2009, ein Bundeswahltag wie kein anderer zuvor. Zwar hatte ich jedes mal meine Pflicht erfüllt und bin wählen gegangen, zwar hatte ich des öfteren abends mal reingeschaltet um die ersten Hochrechnungen zu sehen, aber so viel Herzblut und persönliche Initiative war bisher in keine Wahl geflossen.

09:00

Die Nacht zugegebenermaßen schlecht geschlafen. Was wird es werden? Die erhofften 3% und damit der eigene Balken in den Auswertungen? Gar die 5% und damit Sitze im Bundestag? Darf man so utopisch denken? Oder vielleicht doch nur 0,9% und damit noch nicht einmal eine Erwähnung in den Medien wert? Der Versuch, mich selbst pessimistisch zu stimmen: 1,5% - 2% maximal. So kann man bestenfalls positiv überrascht werden.

12:00

Umzugsvorbereitungen, aber eigentlich gar keinen Kopf dafür. Letzte Diskussionen mit einer guten Freundin, vielleicht doch noch eine Stimme mehr? Ich habe schon lange vorher per Briefwahl gewählt um am Wahltag nicht noch einmal nach Dortmund gurken zu müssen. Jenny muss noch wählen, es gibt noch ein paar Sachen zu erledigen, dann ab nach Wesel zur Wahlparty.

15:00

Fertig machen für die Party, dann noch rüber zur Grundschule, Jenny will ja noch den Änderhaken setzen. Mist, sie hat schon das T-Shirt mit der Flagge drauf und verschiedenen Piraten-Buttons dran an. Das kann Ärger geben. Also, trotz bestem Wetter die Jacke drüber ziehen.

15:20

Jenny hat gewählt. Auf dem Weg zum Wahllokal traf sie einen Bekannten: "Du wählst doch nicht wirklich die Piraten, oder?". Die Jacke kurz aufgemacht, die weiße Flagge leuchtet gleich mehrfach daraus hervor. Ungläubiges Kopfschütteln. Dabei war er doch einer derjenigen, die wir schon recht gut überzeugt glaubten. Haben wir versagt? Denken viele Leute zwar "Jo, die Piratenpartei klingt interessant und vertritt meine Interessen", wählen aber dann spontan trotzdem wie gewohnt? Ist es möglich das rot-schwarz-gelb-grün-Denken der Deutschen zu durchbrechen?

15:45

Ab nach Wesel. Heute mal mit der Bahn statt dem Auto. Egal was kommt, es muss ja begossen werden. Jenny und ich im vollen Piraten-Look, sie noch dezenter als ich. Mein knall-oranges T-Shirt leuchtet im Sonnenschein so sehr dass man fast Augen-Krebs kriegen könnte. Neugierige Blicke der Auto- und Fahrradfahrer auf dem Weg zum Bahnhof. Auch die Mitreisenden im Zug schielen immer wieder zu uns rüber und tuscheln. Waren Sie wählen? Wenn ja, wen?

16:00

Ankunft im Quo Vadis. Vor der Tür stehen schon Aufsteller mit Piraten-Plakaten. Drinnen herrscht geschäftiges Treiben: Kabel ziehen und absichern, Flaggen und orangen Stoff anbringen, Beamer in Position hängen, … Sieht gut aus. Mal gespannt wieviele da sein werden? Knapp 30 Piraten und Piraten-Fans haben sich offiziell im Wiki angekündigt. Dazu sollen haben sich ca. 10 Personen persönlich angemeldet, die nicht namentlich im Wiki genannt sein wollen. Angeblich war auch das Interesse bei (noch) nicht-piratigen Gästen des Quo Vadis groß.

17:00

Offizielle Öffnung. Die üblichen Verdächtigen, also die regelmäßigen Stammtisch-Besucher, sind schon da. Nach und nach füllt sich der Laden. Letzte Maßnahmen an Deko und Technik, dann erstmal ein Bierchen und eine interessante Diskussionen zur Idee Bedingungsloses Grundeinkommen. Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass ich darüber mal mit recht großer Überzeugung in einer Kneipe quatschen würde, ich hätte ihn einweisen lassen…

17:30

Stimmt, da war noch was. Das im Wahlkampf schon recht gut eingespielte Kern-Team des Stammtisches Kreis-Wesel wollte eine Crew gründen. Eigentlich nur noch Formsache: Die Mitglieder hatten sich schon zusammengefunden, die zu besetzenden Posten waren eigentlich schon klar und das Protokoll bereits vorbereitet. Es musste nur noch gefüllt werden. Raus aus dem Quo an einen der ruhigeren Tische. Grelle Sonne. Keine 15 Minuten später bin ich stellvertretender Crew-Sprecher. Ich in einem politischen Amt? Fühlt sich nicht so an und das ist gut so!

17:50

Gespanntes Warten. Von Musik wird auf den Sound der N24-Wahlsendung umgeschaltet. Warum N24 weiß keiner so genau, aber es läuft eine Wahlsendung, das reicht. Mehrere Notebooks stehen bereit um pünktlich um 18:00 die einschlägigen Websites neu zu laden, iPhone-Besitzer haben ihren Twitter-Feed im Blick. So spannend war eine Wahl bisher für keinen von uns.

17:58

Das gesamte Quo Vadis hält den Atem an. Selbst unter dem Ton der Wahlsendung kann man den Puls der Anwesenden hören, oder ist es eher spüren?

18:01

Die Exit-Polls sind raus, die ersten Diagramme schwappen über den Bildschirm. Kein oranger Balken, Sonstige bei 6%. Ist das viel? Sekunden später sagt die Moderatorin etwas wie "Und 6% für die Sonstigen, hinter denen sich vermutlich zu einem großen Teil die Piratenpartei versteckt". Eine Erwähnung direkt bei Bekanntgabe der Exit-Polls, Jubel bricht aus.

18:05

Nachdem der erste Beifall abgeflaut ist, kehrt die Spannung zurück, aber auch Verwirrung ein: Wird der erhoffte Balken doch noch kommen? Wie genau sieht unsere Prognose aus? Kann es wirklich sein, dass Schwarz-Gelb so eindeutig gewonnen hat? Was wird das für die nächsten Jahre in Sachen Bürgerrechte und Internet bedeuten? Immerhin: Freude über die guten Ergebnisse der Grünen und Linken. Besser als die CDU sind die allemal.

18:30

Die ersten Hochrechnungen sind da. Wieder blicken alle gebannt auf die Leinwand: Wird sich gegenüber der Exit-Polls etwas ändern? Vielleicht doch noch der eigene Balken? Mittlerweile wurde zum ARD umgeschaltet, nachdem sich jemand wunderte: "Wieso gucken wir eigentlich N24?".

Erste Hochrechnungen für die Piraten aus dem Netz: 2,1%. Verhaltener Jubel: Ist das jetzt gut oder schlecht? Eigentlich entspricht es den Erwartungen, aber reicht es aus um genug Aufmerksamkeit zu erlangen?

Die ARD-Moderation meldet beim Vorlesen der Diagrammwerte: "Ein großer Teil der Sonstigen wird wohl die Piratenpartei sein", der Beifall schwillt an. Ein Notebook wird hochgehalten: tagesschau.de zeigt ein Diagramm mit orangem Balken. Getöse im Quo Vadis.

Der Spruch des Abends: "Vielleicht sollten wir den Namen doch ändern. 'Sonstige' wäre doch cool, dann hätten wir jetzt 6%". ;)

20:00

Die Musik ist seit längerer Zeit wieder an. Trotzdem halten die Gespräche immer kurz inne wenn eine neue Hochrechnung auf dem Beamer erscheint. Kein Balken, aber das war nun auch nicht mehr zu erwarten. Dennoch kein Grund zur Trauer: Die Wahlberichterstatter haben uns mehrfach erwähnt und immerhin sind im Netz orange Balken zu sehen. Das reicht zum feiern. Die Anspannung des Wahlkampfes weicht nur langsam, aber merklich.

22:00

Antritt des Heimweges. Gut so, denn das Bier schmeckte erstaunlich gut und ich hab leichte Koordinationsschwierigkeiten. Morgen wieder arbeiten, also dann doch lieber den Weg ins Bett.

Eine seltsame Leere breitet sich auf der Zugfahrt in mir aus. Der vergangene Wahlkampf war anstrengend und hat sehr viel Freizeit gefressen. Auch war er nicht frei von Frust und Stress. Jenny hatte mehr als einmal schräg geguck, als ich mich stundenlang mit Piraten-Zeug beschäftigen konnte: Flyer designen, Online-Meetings, Stammtische, Plakate kleben, Plakate aufhängen, Samstage in der Einkaufsstraße. Dennoch hat es sehr viel Spaß gemacht und Jenny stand voll und ganz hinter mir, ja hinter uns. Danke dafür, das war mir sehr wichtig!

Wie werden die nächsten Wochen werden? Wie geht es weiter mit den Piraten…?

Was wird?

Die Wahl ist vorbei. 2% sind ein Erfolg, auch wenn man auf mehr gehofft hat. Die Piratenpartei hat sich binnen eines Jahres von einer Mini-Partei zur Größten der Kleinen entwickelt. 2% sind besser als die Grünen bei ihrem ersten bundesweiten Wahlantritt (1980: 1,5%) und haben uns ein grandioses Medien-Echo beschert. Nicht nur am Wahltag und danach, viel mehr auch schon im Wahlkampf. Nun ist es Zeit die Zukunft ins Visier zu nehmen!

Partei-Koordination und politische Diskussionen erhalten jetzt wieder Vorrang.

Das Wiki gleicht einem Schlachtfeld: Die Spuren von "mal eben schnell eine im Wahlkampf-Aktion koordinieren" sind auf vielen Seiten sichtbar. Für Solcherlei ist das Wiki gut geeignet, aber reicht es als Medium aus, die Piraten-Massen auch langfristig zu koordinieren? Genügt die Kollaboration im Wiki langfristig unseren Ansprüchen in Sachen Transparenz? Wie können Entscheidungen auf Bundes- und Landesebene über das Netz getroffen werden? Wie strukturiert man eine Partei mit ~10.000 Mitgliedern ohne in ähnlich starre Strukturen wie bei den alten Parteien zu verfallen? Keine so dringlichen Probleme wie sie der Wahlkampf zwangsläufig mit sich brachte, aber dennoch Herausforderungen an die Innovationsfreude der Informationspiraten. Und ich bin mir sicher, wir werden sie meistern.

Die Wahl hat gezeigt, ein Hauptkritikpunkt ist die Schlankheit unserer Partei- und Wahlprogramme. Auch die offensivsten Versuche, Leute vom Gegenteil zu überzeugen, hatten wenig Wirkung. Nun muss sich die Partei weiterentwickeln: Welche Themen soll man aktuell diskutieren um sie gegebenenfalls aufzunehmen? Bleibt man den Kern-Themen so nah wie möglich oder sollte man ganz neue Felder besetzen? Wieviele neue Punkte sind schon direkt aus den Kern-Themen ableitbar?

Und wie immer gilt, nach der Wahl ist vor der Wahl: Im Mai sind Landtagswahlen in meiner Heimat NRW. Bis dahin geht es, zusätzlich zur Ausarbeitung eines Wahlprogramms, darum unsere Erfahrungen aus dem Bundestagswahlkampf aufzuarbeiten und neue, innovative Ideen zu entwickeln um die Gunst der Wählerschaft zu erringen. Eine passende Wiki-Seite existiert bereits und wird fleißig mit Ideen gefüllt.

Für mich persönlich stellt sich dabei eine Hauptfrage: Wie kann man die horrende Zahl der Nicht-Wähler motivieren? Wie zeigt man den Bürgern, dass es am Wahltag nicht nur wichtig ist, das hervorragende Wetter zu genießen, sondern auch mal kurz im Wahllokal vorbei zu schauen.

Ich mache mir wenig Sorgen, dass es nun (wie manche Politiker und Politwissenschaftler prophezeiten) Berg ab geht mit den Piraten. Zu Groß ist der Enthusiasmus, der bereits direkt nach der Wahl wieder zu spüren ist. Kaum ein Tag um Atem zu holen war vergangen, da sprudelte die NRW-Mailingliste schon wieder vor neuen Ideen und Diskussionen.

Immerhin: Mit der neuen schwarz-gelben Regierung mache ich mir wenig Sorgen, dass die Feindbilder der Piraten in naher Zukunft von der Bildflächen verschwinden werden. Im Gegenteil…

P.S.: Danke an alle Wahlkämpfer, Plakatierer, Spender, Sympathisanten, Blogger, Twitterer und alle die sonst bisher am Erfolg der Piraten beteiligt waren! Der Wahlkampf war großartig!

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